Die Degerlocher Krippe

In der Mariä-Himmelfahrts-Kirche kann man jedes Jahr zwei Monate lang, vom 1. Advent bis zum Fest Mariä Lichtmess (2. Februar), eine Krippe betrachten, die aus mehreren, zeitlich aufeinander folgenden Szenen besteht.

Die Figuren wurden von der Krippenkünstlerin Stefanie Schmitt geschaffen und in der Advents- und Weihnachtszeit 1942 zum ersten Mal in unserer Kirche aufgestellt.

MENSCH UND KÜNSTLERIN
Stefanie Schmitt (geb. am 1. Okt. 1891 in Stuttgart, gest. am 26. Dez. 1975 in Schömberg bei Bad Liebenzell) hatte circa 1910/15 das Fach Zeichnen an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart belegt, der heutigen Kunstakademie. Ihr Mann, der Maler Ludwig August Schmitt (1882-1936), Meisterschüler von Adolf Hölzel (1853-1934), unterrichtete an der Kunstschule die Hölzel’sche Farbenlehre und galt im Dritten Reich als verfemter Künstler. Er besaß auf
dem Sonnenberg ein Holzhaus mit Atelier. Nach seinem Tod, in bitterer Armut und allein mit drei Kindern, begann Stefanie Schmitt, aus der Not heraus, Krippenfiguren herzustellen. Um diese Zeit war der damalige Stadtpfarrer Dr. Hermann Breucha auf die Qualität ihrer Krippenfiguren aufmerksam geworden.
Er bestellte bei ihr eine Reihe von Figuren, mit denen die Szenen der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit dargestellt werden konnten.

ZUNEHMEND BEKANNT UND BELIEBT
Von dieser Krippe ging eine Art Signalwirkung aus: Stefanie Schmitt bekam Aufträge für circa 17 Kirchen in Stuttgart und in der Diözese und für circa 20 Privatpersonen.
Krippen von ihr gab es z.B. in Kirchheim/T., Rechtenstein/Donau, Oberndorf/N., Rottenburg, St. Nikolaus in S-Ost, in St. Ottilia in S-Münster. In Bettringen bei Schwäb. Gmünd, in St. Fidelis und in St. Hedwig werden die Figuren, bzw. Teile davon, noch aufgestellt.
Der Kreis der Bezieher geht aus einem alten Ordner hervor, in dem sich noch eine Anzahl der Geschäftsunterlagen erhalten haben, also Briefe, Bestellungen, Anfragen, Rechnungen usw. aus der Zeit von circa 1942 bis Anfang der 1970er Jahre.
Unsere Krippe wird in der Korrespondenz immer wieder explizit als „Degerlocher Krippe“ bezeichnet. Sie wurde sozusagen zum Prototyp für eine ganze Reihe von Krippenaufträgen für Stefanie Schmitt.

DIE HERSTELLUNG DER FIGUREN
Die Figuren sind etwa 25 cm groß. Ihre Körper sind aus stoffumwickeltem Draht geformt; Kopf, Hände und Füße sind aus Wachs gegossen. Die Künstlerin besaß zu diesem Zweck Gipsformen. Man wird davon ausgehen können, dass sie die für die Herstellung der Gipsformen notwendigen Prototypen selbst modelliert hat. Das Körpergerüst wurde von Frau Schmitt auf ein Brettchen modelliert und mit Stoffen bekleidet. Auf Grund ihrer fragilen Konstruktion waren die Figuren sehr schadensanfällig. Man musste sorgsam mit ihnen umgehen, was leider nicht immer der Fall war. Deshalb, und auch wohl infolge von Kriegseinwirkung und Unachtsamkeit, existieren die Figuren in vielen Kirchen heute nicht mehr. Da Stoffe im Krieg knapp waren, bat Stefanie Schmitt in den Briefen die Leute, die eine Krippe bestellten, ihr Stoffreste zu schicken. Die Tiere hat Stefanie Schmitt von der Firma Theobald Stockbauer, Gablenberg, Klingenstraße, bezogen, einem „Atelier für plastische anatomische Modelle“, ebenso ihr Arbeitsmaterial, Wachs, Fett und Stärke.
Die Figuren der "Degerlocher Krippe" wurden im Jahr 2003 restauriert, aufgestellt in einer Tiefe suggerierenden Landschaft mit Tannenzweigen und frischem Moos und allerlei blühenden Pflanzen.     

DIE FIGUREN IM GESCHICHTLICHEN KONTEXT
Es ist wichtig, die Figuren von Stefanie Schmitt vor dem historischen Hintergrund zu betrachten. Zusammen mit den schriftlichen Quellen sind sie ein authentisches Zeugnis der damaligen Zeit, der Kriegszeit.
Charakteristische Merkmale sind die Beschränkung auf das Wesentliche, die Innigkeit der Figuren im Ausdruck, ihre Konzentration nach Innen, der ruhige, geschlossene Umriss und die Frömmigkeit, die die Figuren ausstrahlen.
Die Krippe an sich verkündet ja eine Botschaft: Gloria in excelsis Deo: Friede auf Erden den Menschen. Sie soll das Gemüt der Betrachter ansprechen, zum Gebet und zur Meditation anregen, das Herz der Menschen öffnen.

STEFANIE SCHMITTS WERK - EINE WÜRDIGUNG
Pfarrer Eugen Schneider, Kaplan von St. Maria, der die Gemeinde in Degerloch als Filialgemeinde betreute, schrieb am 26.1.1947 an die Künstlerin:
„Frau Schmitt, Sie müssen jahraus-jahrein Krippen machen! Nicht um Ihrer Existenz willen, sondern um viele, viele Menschen zu beglücken!“

Text:  Maria-Theresia Löser
Fotos: Ulrich Löser